«Das Feuer bewahren,
nicht die Asche»
Schellack und Handschriften
Musik lebt vom Moment. Ist der letzte Ton verklungen, ist sie weg. Ausser jemand übersetzt die Klänge in ein anderes Medium, notiert sie oder nimmt sie auf.
So kann Musik Jahrhunderte überdauern und wieder erklingen, auch wenn sie zwischenzeitlich in Vergessenheit gerät.
Es gibt diesen magischen Moment an Konzerten, jene Sekunde nach dem letzten Ton, bevor der Applaus einsetzt und der Alltag wieder einkehrt. Kaum eine Kunstform ist so vergänglich und unmittelbar wie die Musik.
Das Roothuus Gonten ist gleichzeitig Kultur- und Gedächtnisinstitution. Hier wird einerseits musiziert und Tradition gelebt. Andererseits ist das Archivieren eine ebenso wichtige Aufgabe des Hauses. Das Roothuus sorgt für fachgerechte Bewahrung des reichen musikalischen Erbes rund um den Alpstein und bietet damit die Möglichkeit, dass historisches wieder erklingen kann.
Festhalten
Muss Musik verloren sein, nachdem der letzte Ton verklungen ist? Und was bringt die Übersetzung in ein anderes Medium, wenn sich nicht einmal die Komponist:innen beim Spielen an ihr eigenes «Original» halten?
Notieren
Bevor es Aufnahmegeräte gab, war das Aufschreiben die einzige Möglichkeit, Musik vor dem Vergessen zu bewahren.
Wenn Musik, Traditionen und Spielweisen nicht verloren gehen sollen, müssen sie aktiv bewahrt werden. Noten aufzuschreiben war jahrhundertelang die einzige Möglichkeit, nicht mehr gespielte Musik festzuhalten. Die älteste bekannte Notenhandschrift aus der Alpsteinregion stammt von Klosterfrau Maria Magdalena Broger (1704–1775). Das sogenannte «Brogerin-Büchlein», das im Roothuus aufbewahrt wird, enthält um die 60 Texte und Melodien aus verschiedensten Liedgattungen. Meist schrieben aber Männer die Volksmusik auf: Notenschreiben konnten sie, weil viele Volksmusikanten auch Kirchenmusiker waren.
Einige Volksmusikant:innen verzichten ganz bewusst aufs Notieren, weil sie befürchten, die Verschriftlichung könnte ihnen die musikalische oder gesangliche Interpretationsfreiheit rauben. Aber im Grunde hält eine Notation nie die «einzig wahre» Fassung eines Stücks oder eines Jodels fest, sondern ist in erster Linie die Momentaufnahme eines Kulturguts, das sich wandeln darf und auch immer wird.
Geheimsprache
Notisten wie Jakob Alder (1915–2004), genannt «Alders Jock», hatten ihre ganz eigene, teils nur schwer entzifferbare Notenschreibweise. Sie erlaubte ihnen, In-den-Sinn-Gekommenes oder Irgendwo-Gehörtes in einer Art Stenografie eiligst zu notieren – oft als Vorlage für eine spätere Reinschrift. Einige Generationen von Appenzeller Volksmusikanten verwendeten zudem eine Geheimsprache, um sich untereinander über heikle Themen wie Gagen, die Qualität der Verpflegung oder anwesende Personen zu unterhalten:
«Adilladis adist gadinz adinfadich.»
Alles klar? Adilladis kladir?
Notenhandschriften
Carl-Emil Fürstenauer-Mazenauer
1891-1975
Ignaz „Ackergnazi“ Dörig-Manser
1832-1898
Josef „Gehrseff“ Peterer-Wild sen.
1872-1945
Tonträger
Musik wird mittels Audiosignalen auf verschiedenen Medien gespeichert. Hier einige Hörbeispiele von Tonträgern, auf denen im Roothuus Musik archiviert wird.




Musik ist mittlerweile überall und jederzeit auf Knopfdruck verfügbar. Das war nicht immer so: Einst war es ein besonderes Ereignis, wenn irgendwo ausserhalb der Kirche eine Musik aufspielte. Und als noch nicht in jedem Haushalt oder Stall ein Radio schepperte, verursachte der Hausierer der Gegend einen Menschenauflauf, wenn er sonntags sein Grammophon auf den Rücken schnallte und seine kleine Sammlung an Schellackplatten abspielte.
Die älteste Schellackplatte im Roothuus Gonten wurde 1904 aufgenommen – nicht lange nach deren Erfindung.
«Weglisalp Stobele» heisst sie dem Aufdruck nach, vermutlich müsste es «Meglisalp Stobede» heissen. Bis in die 1950er-Jahre waren auch magnetisierte Drahtspulen ein gängiges Tonaufnahmemedium. Das Roothuus verfügt über eine Sammlung von 140 Schellackplatten, Digitalisate von 8 Drahtspulen (die Originale lagern mittlerweile in der Nationalphonothek), 200 Vinyl-Schallplatten, 420 CDs und 123 Kassetten mit Musik aus der Region rund um den Alpstein.
Das akustische Gedächtnis der Schweiz ist die Schweizerische Nationalphonothek in Lugano. Ihr Auftrag besteht darin, Tonträger mit Bezug zur Geschichte und Kultur der Schweiz zu sammeln, zu erschliessen und für die Benutzung bereitzustellen. Die Sammlung umfasst bereits über eine halbe Million Tonträger, jährlich kommen bis zu 25'000 hinzu. Im Roothuus Gonten steht eine von rund 50 offiziellen audiovisuellen Abhörstationen der Nationalphonothek.
Abspielgeräte im Roothuus
Auch die entsprechenden, teils historischen Abspielgeräte für die aufgezählten Technologien sind im Roothuus Gonten vorhanden …
Drahtspulengerät
Auf einer Drahtspule ist ein dünner Metalldraht aufgewickelt. Der Ton wird magnetisch auf diesem Draht gespeichert.
Breitere Nutzung des Drahtspulengeräts: vor allem in den 1930er-1950er Jahre, oft für Radioreportagen und Feldaufnahmen.
Eine Drahtspule enthält 2 km Stahldraht für eine Abspieldauer von ca. 30 Minuten.
Grammophon
Das Grammophon ist ein Gerät zur Aufzeichnung und Wiedergabe von Tönen (erfunden 1887).
Kurz nach der Erfindung des Grammophons wurde bereits Appenzellermusik aufgenommen. Die älteste Schellackplatte im Roothuus Gonten stammt aus dem Jahre 1904.
Tonspulengerät
Tonspulengeräte sind hochwertige analoge Bandmaschinen zur Tonaufzeichnung und -wiedergabe (Reel-to-Reel). Der Name beschreibt das Prinzip, bei dem das Magnetband von einer vollen Spule zu einer leeren Aufwickelspule läuft. Die Klangqualität ist deutlich besser als Draht- oder Grammophontechnik.
Stereoanlage
Ein Musikturm (CD, Kassette, Plattenspieler und Radio) ist ein typisches Hi-Fi-Gerät aus der Übergangszeit zwischen analoger und digitaler Musik (1980-2000er Jahre).
Der Vorteil: es war alles in einem Gerät integriert. Die Anwender konnten alte und neue Musikformate gleichzeitig nutzen (abspielen, aufnehmen, kopieren).
Aufbewahren
Wer weiss, welche musikalischen Schätze sich in den Kellern und Estrichen der Region um den Alpstein noch verbergen? Fachgerechte und sichere Aufbewahrung können aber nur professionelle Institutionen wie das Roothuus bieten.
Bleistift oder Filzstift,
Schellack oder MP3 -
Was überdauert länger?
Jede Tonaufnahme, jede Form von Schriftlichkeit hat eine eigene Lebensdauer. Schellackplatten sind anfällig für Säureschäden, die Information auf Magnetbändern geht durch natürliche Entmagnetisierung verloren, Notationen mit Filzstift verblassen nach relativ kurzer Zeit, digitale Audioformate veralten und können irgendwann nur noch auf historischen Rechnern mit Steinzeitsoftware abgespielt werden.
Das Archiv des Roothuus Gonten bietet – im Gegensatz zu den allermeisten privaten Estrichen – sämtliche raumklimatischen, säure- und feuerschutztechnischen Bedingungen und das nötige Fachwissen für eine professionelle Aufbewahrung von Schriftgut und Tonträgern jeglicher Natur. Die Schellackplatten, sämtliche Vinyl-LPs und Musikkassetten sind vollständig digitalisiert und vor Ort abspielbar. Um die 42'000 Dateien befinden sich derzeit (Stand April 2026) auf der Cloud, es sind Variationen / verschiedene Quellen von rund 10'000 Stücken, die über die Datenbank (link) online abrufbar sind.
Wie wird erschlossen
Welche Bestände befinden sich überhaupt im Archiv? Was enthalten sie? Und wie gelangen sie ins Roothuus?
Stand 2026 werden rund 95 Privat-Archive im Roothuus Gonten aufbewahrt, erschlossen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Fast monatlich kommen neue Bestände hinzu. Musikalische Nachlässe werden oft von Nachfahr:innen überbracht, die das Kulturgut in professionellen Händen wissen wollen. Immer häufiger liefern auch Musiker:innen, Forscher:innen oder Sammler:innen von sich aus ihre Schätze im Archiv ab, heute vermehrt auch in digitaler Form, zum Beispiel als PDF-Notationen.
Im Roothuus-Archiv befinden sich aber nicht nur Ton- und Text-, sondern auch rund 1700 einzigartige, historische Bilddokumente: Gemälde, Stiche, Fotos von Musikformationen, ab 1900 auch Postkarten. Das Geheimnis der Qualität eines Archivs liegt auch darin, welche Informationen zum einzelnen Archivgut zusätzlich erfasst werden, etwa Herkunft, Urheberschaft, Zeitpunkt der Entstehung. Diese sogenannten Metadaten machen eine Datensammlung erst systematisch durchsuch- und nutzbar.
Nutzen
Richtig wertvoll wird/ist der Bestand des Roothuus aber dann, wenn er wieder erklingt und weiter entwickelt wird…
Suchen & Stöbern
Dass der Bestand wieder erklingen kann, müssen die Schätze/Perlen zuerst aus der grossen Datenmenge gehoben werden. Dies ist in der Online-Datenbank gut möglich.
Die Volksmusik-Datenbank, in der das Roothuus Gonten sein Archivgut erfasst und aufbereitet, ist ein gemeinsames Projekt mit dem Haus der Volksmusik in Altdorf.
Die frei zugängliche Datenbank funktioniert allerdings nicht wie eine Suchmaschine. Es braucht eine gewisse Übung im Umgang mit spezifischen Suchbefehlen. Das Personal im Roothuus Gonten steht bei Fragen jederzeit zur Verfügung und leistet gerne Hilfestellung, wo nötig.
Haus der Volksmusik
Die Kooperation mit unserer Partnerinstitution ermöglicht den Aufbau einer gemeinsamen Volksmusik-Datenbank zur Bewahrung lebendiger Musiktraditionen. Wir als Kompetenzzentren prägen durch Dokumentationen, Vermittlungen und Förderungen die Schweizer Volksmusik.
Spielen & Forschen
Einstieg dazu, dass alte Stücke weiter gespielt werden, resp. auch in vielfältigem Kontext erforscht werden.
Flurin spielt den Anna Koch Jodel
Von vielen Stücken gibt es Varianten, diese haben sich schon immer weiterentwickelt und es werden auch in Zukunft weitere Varianten dazu kommen.
Die Datenbank erlaubt es beispielsweise, Ordnung in die immense Sammlung von Carl Emil Fürstenauer-Mazenauer (1891–1975) zu bringen. Der beflissene Vielschreiber Fürstenauer notierte in seinem Leben weit über 10'000 Melodien, Lieder, Tänze, Texte, teilweise – und vielleicht, ohne sich dessen bewusst zu sein – bis zu 30 Varianten / Abschriften desselben Stücks. Dank der Codierung der Tonfolgen nach Denys Parson, die von Roothuus-Mitarbeitenden für jedes einzelne Stück in der Datenbank eingetragen wird, lassen sich Melodieverwandtschaften, Variationen und Quellen eines Stücks identifizieren.
Varianten am Beispiel eines Polkas von Jakob Anton Knill
Forschung und Publikation Altfrentsch
Unter den tausenden Notenblättern im Archiv des Roothuus Gonten sticht eine anonyme Tanzmusik-Sammlung aus dem späten 18. Jahrhundert hervor. Diese vermutlich älteste Aufzeichnung von Tänzen im Alpsteingebiet enthält rund fünfzig überwiegend einstimmige Stücke im Dreier-Takt. Notiert wurden sie auf handgeschöpftem Papier, wahrscheinlich von einer einzigen Person, wie die überwiegend einheitliche Handschrift nahelegt. In einem musikwissenschaftlichen Editionsprojekt wurde das Manuskript vom Roothuus Gonten in die moderne Notenschrift übertragen. Um die Eigenheiten der damaligen Musik zu bewahren, wurde dabei auf Anpassungen des Notentextes weitgehend verzichtet.
In quellenkritischen Kommentaren finden heutige Musikantinnen und Musiker aber unterstützende Informationen für die Aufführung der Stücke.
Erschienen ist die Sammlung unter dem Titel "Altfrentsch" - dies in Anlehnung an den Appenzeller Ausdruck "altfrentsch ufmache", der eine "altmodische Spielart" bezeichnet. Jedoch sind die Stücke alles andere als nur Zeugnisse der Vergangenheit. Weil sie für unsere heutigen Ohren teilweise ungewohnt klingen, wirken sie geradezu modern.
Stationen
In unseren multimedialen Stationen erfahren Sie kompakt verpackt alles, was Sie zu Themen wie Naturjodel, Instrumentierung oder Archivierung wissen müssen. Einfach reinklicken, rumscrollen, stöbern, sich in die Klangwelten rund um den Alpstein entführen lassen, ihre Besonderheiten erleben – und vielleicht sogar selber ein bisschen mitsingen.